Das Ende meines ZiegenlebensMein Name ist Ralik, und ich bin ein weisser Ziegenbock mit schwarzem Kopf und schwarzen Hufen. Schöner für mein Herrchen wäre es, wenn ich ganz schwarz wäre, aber das ist nun mal nicht so. Mir persönlich ist es sowieso egal, denn heute ist mein letzter Tag gekommen.
Herrchen hat sich zurecht gemacht für die Fahrt zum Opfertempel der blutrünstigen, mega-potenten Göttin Kali. Das ist genau wieder diese Göttin, eigentlich mit Namen Parvati und relativ friedlich mit Shiva verheiratet, die sich in die blutrünstige Kali verwandelt, als Shiva ihr nicht das gewährt, was sie fordert. ... aber das ist eine andere Geschichte, die Euch keiner so gut erzählen kann wie dieser Reiseleiter dort hinten mit seiner deutschen Truppe.
Als erstes, als wir auf den mit Läden gesäumten Weg zum Tempel abbiegen, sehe und höre ich meine Kollegen, die Hühner, lauthals im Käfig gackern. Auch sie wissen, warum sie hier sind! Herrchen lässt sie aber rechts liegen, er hat ja mich dabei - schön für die Hühner. Schlecht für mich.
Dann passieren wir all die Blumengirlanden-, Gewürz- und Farbenverkäuferinnen. Herrchen kauft eine orange Girlande und hängt sie sich um den Hals. Ich kriege natürlich nichts ab. Zusätzlich ersteht er die harmlosen, d.h. blutunabhängigen Opfergaben für diese schreckliche Kali: Zucker, Bänder, Koskosnuss(milch). Kennen wir ja. Aber dass auf den Räucherstäbchen auch noch ihr Mann Shiva abgebildet sein muss? Man erkennt ihn dran, dass ihm die Mondsichel in den wirren Haaren steckt. Shiva-Räucherstäbchen also, wie eine göttliche Werbemarke. Aber es soll mir egal sein, ich muss weder Menschen noch Götter verstehen.
Nun ist der Tempel bereits in Sichtweite. Mein Herz klopft schneller, denn schon kann ich mit meiner feinen Nase all das Blut von meinen Artgenossen und Freunden riechen. Ein ziemlicher Trubel herrscht hier. Es ist kalt und nass. Trotzdem sitzen die Priester, die Brahmanen, auf dem Steinboden und warten auf die Gläubigen.
Die Touris aus Deutschland haben Glück und können die Schuhe anlassen, während sie in den offenen Tempelinnenraum glotzen. Wie immer sind sie schwer bewaffnet mit diesen grossen oder kleinen, dunklen Geräten in der Hand, vor der Brust oder vor den Augen. Ich weiss nur zu gut, worauf sie warten.
Mein Herrchen verweilt erst eine ganze Weile vor dem Tempelraum. Das gibt mir auch ein bisschen Zeit, mich auf die Situation einzustellen. Dann zieht er seine Schuhe aus, zündet eine Butterkerze an, und wir gehen in den eigentlichen Tempelbereich.
Gedränge herrscht, und Herrchen zerrt mich erst mal nach nebenan zum Waschen bzw. um mich mit heiligem Wasser zu bespritzen. Na, wenigstens eine nette Geste für mich an diesem, meinem letzten Tag. Dann unterhalte ich mich ein wenig mit dem kleinen Mädchen, das wie alle Hindus die Schuhe ausziehen musste und nun friert, während sie auf einer Packung von diesen Shiva-Räucherstäbchen steht.
Herrchen kommt nun mit mir an der Leine zum Schrein der Göttin und betet sie an. Ich mag sie gar nicht ansehen. Ich rieche nur noch Blut. Denn links vom Schrein ist die Schlachtbank. Gerade hat der Profi-Schlächter einem Huhn den Hals durchgeschnitten, das Blutopfer ist vollbracht. Anschliessend mag es ein festliches Curry mit Huhn geben. Ach Mann, weshalb ist Kali bloss so blutrünstig? Ich weiss, dass es schnell gehen wird. Und dass mein Blut irgendwie heilig sein wird. Aber warum gerade ich? Ich sehe den Schlächter. Das Messer blitzt. Ich schliesse die Augen.
Klickklick. Klickklick.
